gefühlt

Das Leben als Formel

Ein Gefühl, etwas zu verpassen, durch die geglaubte Tatsache, das Leben an sich längst zu kennen. Eine beliebige Abfolge von Ereignissen, daraus folgender Reaktionen und Gegenereignisse. Durch das Bewusstsein, und die Kenntnis ob der Anzahl der Möglichkeiten n werden die Abläufe vorhersehbar, leicht zu berechnen, und sind letzten Endes nur mehr selten überraschend. Durch Hinzufügung der neu gelernten Optionen wird das Leben zu nicht mehr als einem Spiel, dessen Regeln man begriffen hat. Schach.
Schwarze und weiße Figuren, und man selbst bewegt beide Seiten. Wird es zu langweilig, geht man dazu über, sich mit der Rolle des Zusehers zu begnügen. Man studiert die Figuren, gewahr ihrer jeweiligen Bewegungsmöglichkeiten und nimmt ihre Züge als logische Folge aller vorhergegangenen Operationen wahr, welche sich wiederum im jeweiligen Raster bewegen.
Gelegentlich hat man die Möglichkeit, die Größe der ihnen zugesprochenen Optionen zu erweitern, beugt somit Überraschungen vor, und gestaltet die Sache wieder etwas spannender.
Letztendlich muss man jedoch feststellen, dass der eigene Geist, je größer er wird, und je schneller er lernt, immer weniger Möglichkeiten erfährt, gefordert zu werden und im selben Maße weiter zu wachsen. Die Lebensformel, die er für sich erstellt und erfahren hatte verliert zunehmend an Bedeutung, nimmt sie ihm doch die Möglichkeit weiterzuleben.
Als eine jener Figuren, die zu sein er sich hatte wehren wollen muss er letzten Endes feststellen, dass er selbst der eigenen Berechenbarkeit nicht umhin kann.
Hatte er sie doch selbst als omnipräsent und absolut erkannt.
..Matt.

14.8.06 13:33


Stromausfall

Die Lichter flackern im Eispalast.
Ich sehe hinüber zu ihr. In dem Messer spiegelt sich verzerrt das Bild der kalten Neonlampe. Aus. Ein. Aus. Ein. Dunkelheit. Licht. Schwärze. Helle. Ein leises Summen, dann ist es aus. Stromausfall. Stille. Der Wind fährt über die Haut, trägt kleine Eiskristalle mit sich.
Vermutlich ist er nicht real, denn welch ein Wind würde schon bei solcher Geschwindigkeit um diese scharfen Ecken stumm bleiben? Welcher Wind hätte schon die Macht, ohne Laut sich zu verbreiten, und in seiner Mächtigkeit den ganzen Raum zu erfüllen, die Haare zu zerreißen, und all die Blätter mit sich zu ziehen? Aber ich spüre ihn, und er raubt mir die Sinne.
Soweit, dass ich Momente brauche um mich zu erinnern. Was war es? Ich öffne die Augen. Ach ja, das Licht ist aus... Und.. war da nicht ein Messer?
Ich höre leises Weinen. Sie stand doch dort drüben als das Licht ausging. Dort von wo das Wimmern kam. Ihre Augen waren rot gewesen. Die Gruben darunter tief. Du darfst nicht weinen, Mutter. Die Kälte.. Die Tränen frieren doch bei diesem Wind…
War da nicht ein Messer gewesen? Sie hatte es in den Händen gehalten. Ich erinnere mich an die groben Hände die es gehalten hatten. Die Finger hatten sich kraftlos um den Griff geschlossen. War das nicht das Messer? Es klang als würde es über den Boden gezogen, langsam. Der Boden, oder..? Ich reiße die Augen auf. ..oder Knochen?
Ich weiche zurück, taste nach hinten, bis ich die Wand spüre. Kalte Wände. Die Haut friert fest, ich reiße meine Hand los. Wo ist nur der Schmerz? Ich spüre Blut die Finger hinunter gleiten. Gott sei Dank friert Blut nicht.
Ich sehe nichts.. Dunkelheit. Aber ich höre. Der Wind zerrt jemand Neuen in die Halle. Er schlittert über den Boden. Hält sich an einer Säule fest und atmet gepresst. Atme nicht so tief, Vater. Die Luft friert dir doch zu schnell die Lunge...
Wieder Stille, als sich der Vater beruhigt, nur die Mutter beginnt wieder zu wimmern. Ich höre das Schaben und schließe die Augen, denn ich kann mir die Ohren nicht halten, der Schall dringt durch die Hände, und man hört alles... Alles.
Ich höre den Aufprall des Vaters, immer wieder wird er zu Boden geworfen, er hat ja nie gelernt zu stehen. Wie sollte er es jetzt, und mit diesem Wind?
Er bricht sich einen Arm, als er an eine Säule schlägt, und dort bleibt er liegen. Du kannst so niemandem helfen, du wirst einfach dort erfrieren wenn du liegen bleibst. Hörst du, Vater? Du wirst sterben..

Es ist still... Auch die Mutter ist jetzt ruhig.
Der Vater regt sich nicht. Lautlos ziehen die Blätter an mir vorbei. Was sind das bloß für Schriften? Was auch immer.. Ich höre einen weiteren Menschen, aus der anderen Richtung und gegen den Wind gestemmt.
Ich rufe zu. Die letzten Meter nehme ich ihre Hand. Bleib bloß hier, Schwester. Ich spüre doch das Blut auf deinen Händen, und auch in dein Gesicht sind Wunden gerissen. Ich spür es doch. Bleib einfach hier, der Wind wird schon stärker. Sei still, hörst du nicht sein Schreien?
Den Bruder zerreißen die Schriften… Das Gellen hallt an den frostigen Wänden, und das ist alles was bleibt. Bleib hier, Schwester, und weine bloß nicht. Du weißt doch, der Wind...

Ich stemme mich hoch, bin taub vor Kälte und die Hände zittern. Stolpere über den harten, gefrorenen Körper des Vaters, und schlage mit dem Kopf an die Säule. Wieder Blut. Für kurze Zeit ohne Besinnung. Dort drüben muss sie sein.
Es ist still, sie hat mich gehört. Ich bin gleich da...
Das Messer..? Ist es nicht jenes? Das.. in meinem Herzen steckt? Ich fasse vorsichtig an den Griff. Doch, da ist es ja… Ich falle, da kein Wind mehr ist gegen den gepresst sich mein Körper im Gleichgewicht gehalten hatte. Sie zieht das Messer aus meiner Brust.
Ich schließe die Augen, friere langsam am Boden, während sie es weiter in meinen Körper rammt. Ich öffne die Augen, weil das Licht wieder angeht und sehe ihr dabei zu. Sie sieht mich nicht einmal an...
Ach, könntest du das sehen, Mutter. Ich weine für dich, siehst du die Tränen nicht? Sie frieren meine Augen an dir fest, und erst das Blut, das aus den Kristallen dringt, nimmt mir die Sicht von deiner schrecklichen Tat...

Ist es nicht wunderschön?

26.5.06 19:36


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